Aus Worten wurden Taten

Am 11. November gedachten die Linnicherinnen und Linnicher den schrecklichen Taten des 10. November 1938. Damals vor 77 Jahren fand, wie die Tage zuvor, der Unterricht der jüdischen Schule in den Kellerräumen der Linnicher Synagoge statt. Dank des Hinweises eines Polizisten beendete Lehrer Max Gottlieb vorzeitig den Unterricht. Schergen der SA und auch einige Bürger hatten sich auf den Weg zur Synagoge gemacht. Dort angekommen steckten sie das G’tteshaus in Brand. Geschäfte jüdischer Mitbürger wurden geplündert und verwüstet. Willkürliche Verhaftungen ohne Grund folgten.

Der Linnicher Geschichtsverein 1987 e.V. tritt seit einigen Jahren als Mitorganisator der Gedenkveranstaltung auf. Im folgenden finden Sie unseren Wortbeitrag:

 

Am Anfang waren es Worte.  Worte vom Untergang des Abendlandes, von der Unterwanderung des deutschen Volkes durch eine religiöse Minderheit, die unsere Kultur bedrohe.

Auf Worte folgten Taten. Taten gegen Geschäfte, gegen Wohnhäuser, gegen Gotteshäuser, die geplündert, zerstört und angezündet worden.

Auf Taten gegen Gebäude, folgten Taten gegen Menschen. Menschen, die ihrer Bürgerrechte beraubt worden Menschen, die nicht mehr Teil der Gesellschaft sein durften; Menschen, die in Lager gepfercht worden.

Erst wurden ihre Häuser zerstört, dann sollten sie „nur“ unser Land verlassen. Am Ende brannten nicht nur ihre Gotteshäuser, am Ende brannten sie selbst.

Am Anfang ist das Wort, was folgt ist die Tat – im Guten, wie im Bösen.

Am 9. November 1938 hetzte der NSDAP-Ortsgruppenleiter Robert Brammen, die Anwesenden der Gedenkfeier anlässlich des kläglich gescheiterten Hitler-Putsches, gegen die jüdischen Mitbürger auf.

Auf seine Worte folgten Taten: Ausschreitungen gegen jüdische Linnicher, ihre Geschäfte und gegen ihre Synagoge. Am Morgen des 10. November wurde die Synagoge in Brand gesteckt. Die brannte bis auf die Grundmauern nieder, die Inneneinrichtung wurde vollständig zerstört. Kurz zuvor fand in den Kellerräumen der Synagoge der Schulunterricht für die Kinder statt. Sie konnten glücklicherweise rechtzeitig gewarnt werden und die Synagoge verlassen.

Die menschliche und soziale Isolation, so beschrieb Ilse Roberg ihre Erlebnisse an die Zeit nach der Reichspogromnacht, waren „besonders schlimm“. Vor allem, wenn vermeintliche Freunde, nicht mehr grüßten und sie nicht mehr kannten. Die Reaktion in der Linnicher Bevölkerung war unterschiedlich: „Es gab schlimme Missachtung, aber auch Hilfe und Mitgefühl“.

In Linnich, wie vielerorts in Deutschland, wurden im Zuge der Reichspogromnacht jüdische Mitbürger verhaftet. Heute gilt die Reichspogromnacht in der Geschichtsschreibung als Auftakt zur Schoah.

Die Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem verzeichnet 99 Menschen, die im heutigen Linnicher Stadtgebiet lebten oder hier geboren worden und der Schoah zum Opfern fielen.

Menschen, die unsere Mitbürger waren, unsere Nachbarn, Freunde. Menschen, die sich für unsere Stadt engagierten, sei es bei den Schützen, der Feuerwehr, in der Wohlfahrt oder im Stadtrat.

Aus Worten wurden Taten. Wir wollen, wir müssen uns erinnern, damit wir nicht vergessen, damit sich all das nicht wiederholt. Menschen, die einen anderen Glauben, einen anderen kulturellen Hintergrund haben und friedlich unter uns leben, sind keine Invasoren, sie sind nicht unser Untergang, sie sind nur eines: Menschen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s