Wir dürfen nicht vergessen, was geschehen ist

Am Morgen des 10. November 1938 brannte die Linnich Synagoge. SA-Truppen und Linnicher Bürger hatten das jüdische Gotteshaus in Brand gesetzt. Ein Eingreifen der Feuerwehr war untersagt.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November brannten in ganz Deutschland die Synagogen. Anlass für diese Gewaltaktion war die vermeintliche Ermordung des Botschaftssekretärs Ernst vom Rath durch Herschel Grynszpan. Dieser hatte vom Rath aus Protest gegen die Behandlung der Juden angeschossen.

Der abartige Befehl des Gruppenführers der SA, der dem Stabsführer der Gruppe, Oberführer Römpagel in der Nacht vom  09. zum 10. November 1938 telefonisch übermittelt wurde, ist von diesem wie folgt schriftlich zusammengefasst worden:

„Sämtliche jüdischen Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. Die Verwaltungsführer der SA stellen sämtliche Wertgegenstände einschließlich Geld sicher. Alle jüdischen Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind von der Feuerwehr nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen. Jüdische anliegende Wohnhäuser sind auch von der Feuerwehr zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden. Die Polizei darf nicht eingreifen. Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen. An den zerstörten Synagogen, Geschäften usw. sind Schilder anzubringen mit etwa folgendem Text: RACHE FÜR MORD AN ERNST VOM RATH. TOD DEM INTERNATIONALEN JUDENTUM. KEINE VERSTÄNDIGUNG MIT DEN VÖLKERN, DIE JUDENHÖRIG SIND!“

Der 10. November war nur ein erster Höhepunkt, eine neue Stufe der schrittweisen Radikalisierung der so genannten „Judenpolitik“: Im April 1933 wurden erstmals Geschäfte jüdischer Bürger boykottiert – 1935 wurden die Nürnberger Gesetze erlassen.

Der Diskriminierung und Entrechtung folgte die Zerstörung der Gotteshäuser sowie der Wohnungen und Geschäfte jüdischer Mitbürger. Bei Gewalt gegen Häuser blieb es jedoch nicht. Gewalt gegen jüdische Mitbürger, Verhaftungen, Vertreibung und Deportationen folgten.

Die am 10. November verhafteten jungen Männer wurden zuerst ins Rathaus gebracht, mussten dort auf Stroh zwei Nächte verbringen, ehe sie nach Aachen abgeführt wurden. Die über 60 Jahre alten Männer wurden entlassen, die jüngeren dagegen in das Konzentrationslager Oranienburg deportiert. Darunter waren Max Gottlieb und Alfred Goldstein. Im Dezember wurden sie – zunächst – entlassen.

In den darauffolgenden Jahren – teilweise auch schon zuvor – verließen immer mehr jüdische Bürger unsere Stadt. Es waren zumeist die Älteren, die in Linnich blieben. Manchen werden die finanziellen Mittel für eine Emigration, anderen wird in vorgerücktem Alter der Mut, gefehlt haben.

Die in Linnich verbliebenen Juden wurden Anfang 1941 in die Villa Booth nach Kirchberg deportiert. Von dort erfolgte der unmenschliche Transport, überwiegend in Viehwaggons, in die Vernichtungslager des Ostens. Nur einer überlebte das KZ Theresienstadt und beendete sein Leben in Linnich: Bernhard Baum. Er ist auf dem Jüdischen Friedhof in Linnich begraben.

Die Gedenkstätte Yad Vashem führt insgesamt 99 Opfer aus dem heutigen Linnicher Stadtgebiet. Das älteste Opfer war Sybille Alexander, Jahrgang 1857, das jüngste Ellen Mendel, Jahrgang  1935.

Die jüdischen Mitbürger, einst prägend für das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben unserer Heimatstadt, mussten fliehen oder wurden Opfer des systematischen Völkermords. Das jüdische Leben ist heute in Linnich gänzlich verschwunden.

Wir dürfen nicht vergessen, was geschehen ist. Das gebietet der Respekt vor unseren ehemaligen Mitbürgern, das gebietet auch die Verantwortung für friedliches Miteinander in der heutigen Zeit. Lassen wir nie wieder zu, dass Ablehnung, Diskriminierung, Hetze und Hass unser gesellschaftliches oder politisches Leben prägen. Die Schoah war möglich, weil die Mehrheit geschwiegen und weggesehen hat. Schweigen wir nicht mehr. Nicht das Wegsehen, sondern das Hinsehen macht die Seele frei!

Stefan Helm / Patrick L. Schunn, Linnicher Geschichtsverein 1987 e.V.

 

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