Lasst uns Linnich wieder großartig machen

Make Linnich great again? – Die Frage bekam ich immer mal wieder gestellt, wenn ich unseren Flyer-Slogan für die Stadtratswahl am 13. September vorgestellt habe. Linnich hatte zwar auch seinen Trump(gen), der war allerdings Schneider und ein Held der Hubertusschlacht und kein rassistischer Präsident, der die größte Pandemie unserer Zeit viel zu lange unterschätzt hat. „Let’s Make America great again“ ist keine Erfindung Trumps, sondern hat schon zwei US-Präsidenten zum Wahlsieg geholfen. Er war Kampagnenslogan von Ronald Reagan 1980 und auch Bill Clinton hat ihn 1992 verwendet. „Wir machen Linnich wieder großartig“ hat also recht wenig mit Trump zu tun.

Vielmehr hat es mit unserer Überzeugung zu tun, dass Linnich mehr kann. Mehr als es in den letzten Jahrzehnten zeigen durfte. Wir erleben sicherlich seit fünf/sechs Jahren einen kleinen Aufschwung. Wichtige Themen wie Strukturwandel, Digitalisierung, Forschung und Innovation wurden und werden aber einfach links liegen gelassen.

Linnich war einst eine stolze Stadt. Eine wirtschaftlich und politisch bedeutende Stadt. Die politische Bedeutung hat mit dem Anschluss an Preußen mehr oder weniger geendet. Wirtschaftlich blieb Linnich aber noch einige Zeit bedeutend. Auch heute noch hat unsere Heimatstadt einiges zu bieten: einen Weltkonzern, aber auch viele kleinere und mittlere Unternehmen, die über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus aktiv sind. Mit Blick auf den Einzelhandel ist es eher trostlos geworden. Leerstand ist heute das prägende Bild. Ob die Umwandlung in Wohnungen oder Partei-Wahlkampfzentralen eine dauerhafte Lösung sind, um die Stadt wieder zu beleben?

Ich glaube nicht. Seien wir ehrlich: Die Zeit, in der an jeder Straßenecke ein Lebensmittelgeschäft war, ist vorbei. Sollte sich das Verbraucherverhalten nicht radikal in alte Zeiten zurückentwickeln, wird es so bleiben. Der Online-Handel sicherlich auch eine Herausforderung für den Einzelhandel. Aber Brötchen und Wurst bestellen wir (noch) nicht Amazon und Co. Trotzdem gibt es weniger Bäckereien und Metzgereien. Erst in der Corona-Pandemie haben viele wieder die Qualitäten der kleinen Bäckerei/Metzgerei kennen und schätzen gelernt. Der Fall Tonnies hat gezeigt, dass die Bedingungen unter denen Supermarkt-Wurst produziert wird, nicht gerade den Vorstellungen von Arbeits-und Gesundheitsschutz entsprechen unter denen wir selbst arbeiten wollen. Ob daraus ein Revival des Einzelhandels wird, bleibt abzuwarten. Nichtsdestotrotz müssen wir auch den stationären Einzelhandel fit für die Digitalisierung machen. Viele Eigentümer haben dafür keine Zeit, weil sie in Dokumentationspflichten ersticken, oder ihnen fehlt auch einfach das (fachliche) Verständnis bzw. Know-How. Stationären und digitalen Einzelhandel zusammenzubringen kann enorme Chancen bieten. Dafür bräuchte unsere Stadt aber eine Wirtschaftsförderung und eine digitale Infrastruktur, die nicht bei 50Mbit/s endet. Tatsächlich hat Linnich gerademal einen Stellenanteil von 0,1 für Wirtschaftsförderung. Das ist einfach zu wenig. Wir brauchen einen eigenen Fachbereich für Wirtschaft und Stadtentwicklung – eine Kreativabteilung, ein Partner für Wirtschaft, Mittelstand und Handwerk.

Gewerbe- und Industrieflächen sind rar geworden. Wer in Linnich investieren will, hat ein Problem: keine freien Flächen. Und das in Zeiten des Strukturwandels. Am Sonderflächenprogramm hat Linnich bisher nicht teilgenommen, trotz entsprechender Beschlussfassung des Rates. Südlich von Boslar wäre eine ideale Fläche, in direkter Nachbarschaft zum künftigen Brainenegy-Park. Dort haben SPD, Grüne und PKL aber lieber Windräder aufgebaut. Stattdessen versucht sich Linnich jetzt an ein Gewerbegebiet mit Aldenhoven und Baesweiler. Der Witz: Keines der neuen Unternehmen wird sich in Linnich ansiedeln. Wir sind flächentechnisch gar nicht beteiligt. Innovative Unternehmen scheinen eher nach Aldenhoven/Baesweiler oder Jülich/Niederzier/Titz zu gehen. Linnich schaut zu. Linnich muss auch zuschauen, wie in Lindern, direkt vor der Haustüre, ein neues Industrie- und Gewerbegebiet entsteht. In Linnich passiert dagegen nichts, auch weil man auf Indeland setzt, die uns bisher aber stets haben hängen lassen.

Linnich kann wirtschaftlich (wieder) großartig werden. Wir müssen die Entwicklung und Erschließung von neuen Gewerbe- und Industrieflächen in unserem Stadtgebiet vorantreiben. Diese Gebiete müssen etwas bieten, was andere (noch) nicht haben: 5G und eine niedrigere Gewerbesteuer. Mit einem Gründerzentrum und einem Co-Working-Space können wir neue und junge Unternehmensgründer anlocken, die bei Erfolg sich auch vergrößern. Durch gute Betreuung, eine mittelstandsfreundliche Verwaltung und City-Management, das sich fünf Tage die Woche um unsere Wirtschaft kümmert, bleiben sie dann auch in Linnich.

Der Strukturwandel bietet noch weitere Chancen. Im Rheinischen Revier sollen in naher Zukunft mehrere Forschungsinstitute entstehen. Dabei steht der Standort vielfach noch nicht fest. Der Rat hat, auf Initiative der FDP/Piraten-Fraktion, beschlossen sich darum zu bewerben. Bisheriges Engagement: Fehlanzeige. Warum sollten alle Forschungseinrichtungen nach Jülich gehen?

Gründerstadt. Forschungsstadt. Unternehmerstadt. Linnich kann großartig werden.

Die Gesamtschule bietet Potential. Statt Streitigkeiten über den Standort einzelner Klassen, könnten wir die Schule dabei unterstützen konkurrenzfähig mit den Gymnasien der Umgebung zu werden. Stattdessen sehen einige Schulgebäude eher beschämend aus und die digitale Ausstattung liegt noch in den Kinderschuhen.

Machen wir unsere Schulen doch zu Talentschulen. Der Bildungsforschung Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani hat in seinem Buch „Mythos Bildung“ das Zwei-Säulen-Modell vorgestellt. Neben der klassischen Unterrichts-Säule, für die die Lehrer/innen zuständig sind, braucht es eine zweite, zu dieser gehören z.B. ausreichend Schulsozialarbeiter. Warum kommen Schüler/innen im Unterricht nicht mit? Ist es Faulheit oder Überforderung oder Probleme im Elternhaus oder Unterforderung. Welche Talente stecken in unseren Schüler/innen. Armut verdeckt häufig Talent, es wird nicht erkannt und nicht gefördert. Können wir uns das leisten? Lasst uns Linnich großartig machen, in dem wir das soziale Aufstiegsversprechen wieder erwecken. Lasst Leistung entscheiden und nicht (soziale) Herkunft.

Bildungsstadt. Linnich kann großartig werden.

Linnich könnte Vorreiter beim kommunalen Klimaschutz sein. Als einzige Fraktion haben wir einen ausführlichen Maßnahmenkatalog erstellt. Von der selbsternannten Klimapartei kam bis auf Panikmache (Klimanotstand) und Gängelung von Gartenbesitzern (Baumsatzung) recht wenig. Viele städtische Gebäude sind noch ohne Photovoltaikanlage. Wasserkraft und Geothermie wird gar nicht genutzt. Die von uns schon vor Jahren beantragte Nutzung umweltfreundlicher Fahrzeuge für Verwaltung und Bauhof immer noch nicht umgesetzt. Mehr Pflanzen können zum Artenschutz beitragen. Mehr Bäume und mehr Begrünung könnten gerade in diesen Tagen für ausreichend Schatten und Erholung sorgen.

Linnich könnte Klimastadt werden. Wäre das nicht großartig.

Linnich könnte Digitalstadt Nr. 1 werden. Dazu müssten wir bestehende Funklöcher beseitigen und die Breitbandversorgung ausbauen. Jede Nachbarkommune hat eine bessere Versorgung. Linnich ist heute eine digitale Wüste umgeben von Oasen. Freies WLAN an öffentlichen Plätzen und in öffentlichen Gebäuden sollte eigentlich Standard sein. Eine papierlose Verwaltung ist sicherlich erstrebenswert. Wir brauchen aber auch eine digitale Verwaltung. Es kann ja nicht sein, dass man für einen Verwaltungsvorgang Urlaub nehmen oder seinen Samstag opfern muss, da die Öffnungszeiten des Rathauses mit den eigenen Arbeitszeiten übereinstimmen. Online das Formular ausfüllen, an die Verwaltung senden und digital eine Antwort bekommen. Zeit gespart. Aufwand gespart. Was Gutes für die Umwelt getan.

Wirtschaft, Bildung, Klima und Digitalisierung sind nur vier exemplarische Beispiele. Linnich kann mehr. Linnich kann (wieder) großartig werden. Damit wir wieder voller Stolz sagen können, dass wir aus Linnich kommen. Linnich hat eine großartige Geschichte. Lasst uns nun an einer großartigen Zukunft arbeiten.

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