Die USA vor den Wahlen

Heute wählen die US-Amerikaner ihren Präsidenten, das Repräsentantenhaus und einen Teil des Senats.  Dabei steht, vor allem für die ausländische Öffentlichkeit, die Präsidentschaftswahl im Fokus des Interesses. Aber, wenn man davon spricht, dass die US-Amerikaner den Präsidenten wählen, stimmt das nur sehr bedingt.  Denn das Wahlsystem hat aus demokratietheoretischer Sicht teilweise erhebliche Schwachstellen.

Die formelle Wahl des Präsidenten erfolgt durch das Wahlmännergremium (electoral college) und die Bürger wählen ihren Präsidenten somit nur indirekt. Das System der Wahlmänner erscheint heute etwas altertümlich und unnötig, es ist als solches noch nicht undemokratisch. Problematisch ist vielmehr das „Winner takes it all“-Prinzip, was dazu führen kann, dass der Kandidat mit den meisten Stimmen die Wahl doch am Ende verliert. So konzentriert sich der Wahlkampf nicht darauf möglichst viele Stimmen zu gewinnen, sondern nur in einer kleinen Anzahl von Bundesstaaten und genau da liegt das eigentliche Problem. Ob Obama New York State mit 50 oder 60 % oder Romney Utah mit 60 oder 70 % holt ist für den Wahlausgang völlig unerheblich. In den meisten Staaten steht das Ergebnis fest, Wahlkampf lohnt sich dort nicht.

Bei der 2012-Wahl sind Colorado, Iowa, Ohio, Florida, Virginia, North Carolina und New Hampshire die Staaten von wirklichem Interesse. Hier kann der US-Bürger tatsächlich mitentscheiden, wie der nächste US-Präsident heißt.

Wer also eine gewisse Ahnung haben will, wer die Wahl gewinnen könnte, muss diese sieben Staaten genauer betrachten. Geht man davon aus, dass nur noch diese Staaten umkämpft sind, verfügt Obama über eine Ausgangsbasis von 253 Wahlmännern und Romney von 191, während 94 noch offen sind. Für die Wahl zum Präsidenten sind 270 Stimmen im electoral college erforderlich. Obama würden damit nur 17 Wahlmännerstimmen fehlen. Geht Ohio (18 Wahlmänner) an Obama wäre die Wahl damit mehr oder weniger entschieden, wenn es nicht noch zu Überraschungen kommt.

Colorado war lange Zeit ein klassischer red state, also ein den Republikanern zugeneigter Staat. Clinton konnte den Staat nur 1992 holen, als die politische Rechte zwischen dem republikanischen Amtsinhaber Bush sr. und dem unabhängigen Unternehmer Ross Perot gespalten war. 1996 verlor Clinton den Staat wieder an seinen republikanischen Herausforderer und auch Gore (2000) und Kerry (2004) konnten den Staat nicht gewinnen. Obama kehrte das Verhältnis zwischen Republikanern und Demokraten um und gewann den Staat mit über 50%. Die letzten zehn Umfragen sahen Romney dreimal in Führung, Obama fünfmal und in zweien lagen beide Kandidaten gleichauf. Letztlich könnte Obama hier die Nase vorn haben, da der Kandidat der Libertären Partei Gary Johnson (ehm. republikanischer Governeur von New Mexico) Romney die entscheidenden Stimmen abnehmen könnte.

Iowa entschied sich bei den letzten fünf Wahlen nur einmal (2004) für einen republikanischen Kandidaten. Die Umfragen deuten auch diesmal auf einen Sieg des demokratischen Kandidaten hin. Allerdings ist die Führung auf ein bis fünf Prozent zusammengeschrumpft, bei einem Fehlerquotienten von bis zu vier Prozent besteht damit durchaus die theoretische Möglichkeit eines republikanischen Sieges.

Florida entwickelte sich zunächst, wie die anderen Südstaaten auch, von einem blue zu einem red state. Unter anderem durch die Zuwanderung von Rentnern aus dem Norden gilt Florida inzwischen als swing state, jedoch mit leichtem Vorsprung für den republikanischen Kandidaten. Hier sehen die letzten zehn Umfragen Obama fünfmal in Führung, Romney dreimal, in zwei Umfragen liegen beide gleichauf.

Virginia ist eigentlich das, was man einen red state nennt. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs konnten nur drei demokratische Kandidaten den Staat für sich gewinnen: Kriegssieger Truman, Kennedy-Nachfolger Johnson und Obama. Auch bei der diesjährigen Wahl könnte Virginia wieder an Obama fallen. In den letzten zehn Umfragen liegt Obama neunmal vorne, lediglich die letzte bekannte Umfrage sieht Romney mit zwei Prozent in Führung. Ein erneuter Obama-Sieg hätte durchaus historischen Charakter.

North Carolina konnte nicht einmal der aus den Südstaaten stammende Demokrat Clinton gewinnen. Obama holte den Staat mit einem knappen Vorsprung als erster Demokrat seit Jimmy Carter. Hier hat derzeit Romney die Nase vorn. In den letzten Umfragen lag der Republikaner fünfmal in Führung, Obama nur einmal, vier Umfragen sehen jedoch einen Gleichstand.

New Hampshire ist der etwas ungewöhnliche Nordstaat. Während die Staaten im Nordosten inzwischen als blue states gelten, konnten die demokratischen Kandidaten seit Ende des Zweiten Weltkriegs New Hampshire lediglich fünfmal gewinnen, allerdings viermal bei den letzten fünf Wahlen. Während Romney zwischenzeitlich gute Chancen hatte den Staat wieder für sich zu gewinnen, liegt er inzwischen wieder hinter Obama zurück, der in acht der letzten zehn Umfragen führt (in zweien liegen beide gleichauf).

Ohio gilt als einer Art Königs- oder besser Präsidentenmacher. Der letzte Präsident, der eine Wahl gewann, aber Ohio nicht, war John F. Kennedy, einem Republikaner ist dieses Kunststück bisher nicht gelungen. Auch wenn der Governeur und die Mehrheit der bundesstaatlichen Abgeordneten Republikaner sind, sieht es derzeit noch einem Sieg für Obama aus. Neun der letzten zehn Umfragen sehen Obama vorher, Romney kein einziges Mal. Die letzte Umfrage sieht jedoch eine Patt-Situation.

Eine zweite Amtszeit für Obama ist keineswegs sicher, seine Chancen stehen jedoch besser, als die Romneys. Selbst wenn Romney noch Ohio holen kann ist sein Sieg keineswegs sicher, neben Virginia, North Carolina und Florida müsste er noch der sieben swing states holen.

Beim popular vote (also den tatsächlichen Stimmen für die Kandidaten) hat Romney deutlich bessere Karten. Dort liefert er sich mit Obama ein Kopf-an-Kopf-Rennen bis in den Null-Komma-Bereich.

Mein persönlicher Tipp:

Obama 303 Wahlmänner – Romney 235 Wahlmänner

Dabei gehen Iowa, Ohio und New Hampshire sicher an Obama, Colorado und Virginia knapp. Romney holt Florida und North Carolina.

Alle Staaten:

Obama (24+DC):

California, Colorado, Connecticut, Delaware, Hawaii, Illinois, Iowa, Maine, Maryland, Massachusetts, Michigan, Minnesota, Nevada, New Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, Ohio, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, Vermont, Virginia, Washington (State), Washington D.C., Wisconsin.

Romney (26):

Alabama, Alaska, Arizona, Arkansas, Florida, Georgia, Idaho, Indiana, Kansas, Kentucky, Louisiana, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, North Carolina, North Dakota, Oklahoma, South Carolina, South Dakota, Tennessee, Texas, Utah, West Virginia, Wyoming.

Wer selbst noch etwas experimentieren möchte, sei 270towin.com empfohlen. Die letzten Umfragen finden sich auf der Seite der Wikipedia bzw. verarbeitet auf electoral-vote.com. Eine Übersicht über die Ergebnisse aller Präsidentschaftswahlen mit ensprechenden Karten finden sich auf ElectoralMaps.org

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